Reclaim 8. März!
Der 8. März als
internationaler
Frauenkampftag kann sich auf
eine lange Tradition
berufen. Als Idee vermutlich
auf Clara Zetkin und die
Zweite Internationale
Sozialistische
Frauenkonferenz 1910
zurückgehend, wurde später
das Datum in Erinnerung an
die Hungerrevolte der
Arbeiter- und Soldatenfrauen
des Armenviertels Wyborgs
(Sankt Petersburg) gewählt,
die am 8. März 1917
stattfand und die
Februarrevolution
einleitete.
In der Bundesrepublik hat
der Tag seit den Hochzeiten
der Frauenbewegung stetig an
Bedeutung verloren.
Insbesondere in Hamburg
fanden in den letzten Jahren
oft nicht einmal mehr
richtige Demonstrationen
statt. Wir möchten mit
diesem Text eine
Repolitisierung und
Reaktivierung des 8. März
anregen. Dabei geht es uns
um eine Debatte, um eine
Entwicklung eines
gemeinsames Projektes mit
möglichst vielen anderen. In
diesem Sinne bitten wir
darum, diesen Text nur als
Anstoß und Vorschlag zu
lesen.
Warum brauchen wir den
8.März?
Erstmal hat der 8. März –
genauso wie beispielsweise
der 1. Mai – für uns keinen
Wert an sich. Es geht uns
also keineswegs um
sinnentleerte
Traditionspflege. Trotzdem
bietet der Tag die
Möglichkeit, mit
feministischen Themen und
Positionen an die
Öffentlichkeit zu treten,
die wir nicht ungenutzt
lassen wollen. Insbesondere
angesichts der hegemonialen
Präsenz von Positionen, die
im Namen des Feminismus
sprechen, aber ihren Frieden
mit den Verhältnissen
geschlossen haben und mit
rassistischen Positionen das
Bündnis mit der Rechten
suchen, ist es unseres
Erachtens wichtig, den 8.
März zu nutzen, um einen
Kontrapunkt zu setzen.
Was für einen 8. März?
Wir denken, dass das Begehen
des 8. März als „Frauentag“
nicht ausreicht. Vielmehr
schlagen wir eine
inhaltliche Zuspitzung vor.
Dafür gibt es
unterschiedliche Gründe, u.a.
die Kritik an einer
feministischen
Identitätspolitik, die
suggeriert, für „die Frauen“
zu sprechen. Dazu mag es
unterschiedliche Haltungen
geben, klar ist allerdings,
dass eine politische
Intervention, die sich auf
eine allgemeine Repräsentanz
„der Fraueninteressen“
beschränkt, es nicht vermag,
die Interessen
unterschiedlichster
feministischen Akteurinnen
einzufangen. Zudem ist es
sehr schwierig, mit einem
eher unspezifischen Motto
oder einem Sammelsurium an
Forderungen, die als
gemeinsame Klammer nur die
Aussage „Wir Frauen“
verbindet, mit eigenen
Positionen wahrgenommen zu
werden. Die
Berichterstattung verkürzt
sich dann schnell auf die
Aussage, dass Menschen auf
die Straße gegangen sind um
den „Frauentag“ zu begehen.
Angesichts der
unterschiedlichsten
Vorstellungen, die mit
Feminismus identifiziert
werden, ist es aber mehr als
je notwendig, mit
unterscheidbaren Positionen
wahrgenommen zu werden.
Feminismus ist ein
umkämpfter Begriff, dessen
emanzipatorische Bestimmung
in Deutschland höchstens
marginal in Erscheinung
tritt. Positionen à la Alice
Schwarzer suchen die
Koalition mit der Rechten,
indem sie offen in den Chor
des anti-islamischen
Rassismus einstimmen. Mit
Forderungen wie dem
Kopftuchverbot werden
migrantische Frauen von
privilegierter Position im
besten Falle in eine
Opferrolle gepresst, ohne
eine Perspektive, zum
Subjekt der Veränderung
werden zu können (wie
beispielsweise beim "Marsch
der Frauen aus den Banlieues"
2003 in Frankreich). Mit
solcher Unterstützung kann
die Rechte beispielsweise
mit der Debatte um
Ehrenmorde punkten, das
Problem ethnisieren und
damit die Ursache von
häuslicher Gewalt im
Allgemeinen verschleiern.
Zugleich wird damit ein
Rassismus angefeuert, der
die Lebensbedingungen
migrantischer Frauen
sukzessive verschlechtert.
Wir wollen einen 8. März,
der mit klaren
antirassistischen und
internationalistischen
Positionen nach außen tritt.
Zugleich vereinnahmt Von der
Leyen den Feminismus für
sich und ihre
„Familienpolitik“.
Angesichts der neoliberalen
Realität, dass ein jeder
Mensch – egal welchen
Geschlechts – zum Überleben
lohnarbeiten muss („Wer
nicht arbeitet, soll auch
nicht essen“, Franz
Müntefering) und des längst
den Lohnkürzungen zum Opfer
gefallenen Familienlohns,
bedient sie mit Reformen wie
dem neuen Erziehungsgeld die
Interessen der
bessergestellten Frauen,
während Erwerbslose oder
Alleinerziehende in die
Röhre gucken.
Nicht zuletzt versucht die
religiöse Rechte die soziale
Unsicherheit für die
Wiederbelebung alter Dämonen
zu nutzen. Ob das
evangelikale „Christival“
mit tausenden Jugendlichen
im Mai 2008 in Bremen oder
der „Marsch der 1000 Kreuze“
der Abtreibungsgegner im
September in Berlin, in
diesem Jahr mussten die
FundamentalistInnen sich auf
lautstarken Gegenprotest
gegen Sexismus,
Frauenfeindlichkeit und
Homophobie einstellen.
Trotzdem finden wir, dass es
angesichts des Wissens um
die Entwicklung in den USA
einen wahrnehmbaren,
emanzipativen Feminismus
braucht, um den
Reorganisierungsversuchen
der christlichen Rechten in
Deutschland zu begegnen.
Wir wollen einen 8. März,
der auch die Frauen
anspricht, für die die
„Integration in den
Arbeitsmarkt“ der Zwang zu
doppelter Arbeit bedeutet,
weil ein Einkommen zum
Überleben nicht reicht und
sich an der Verteilung der
unbezahlten
Reproduktionsarbeit nichts
verändert hat.
Unsere Idee
Erfreut haben wir
wahrgenommen, dass es der
Arbeitsstelle MigrAr bei
ver.di gelungen ist die
Situation von
illegalisierten Frauen in
der Hausarbeit ins Licht der
Öffentlichkeit zu bringen.
Bereits 2007 gab es als
gemeinsames Projekt
antirassistischer und
feministischer Positionen
einen Kongress zu Migration
und Hausarbeit. Im Rahmen
der Veranstaltungsreihe des
feministischen Instituts
wurde sich mit dem
Themenkomplex beschäftigt
und zuletzt haben die ver.di
Frauen zu zwei
Veranstaltungen zur
Situation von
illegalisierten Frauen in
Hamburg eingeladen. Dieser
Themenkomplex ist daher nach
unserer Wahrnehmung in
Hamburg das feministische
Feld gewesen wo wir am
meisten Bewegung und
Öffentlichkeit wahrgenommen
haben.
Unser Vorschlag wäre daher,
einen Schwerpunkt des 8.
März auf das Themenfeld
Migration und Hausarbeit zu
legen. Zu diesem Themenfeld
würden für uns
beispielsweise sowohl die
Situation illegalisierter
Frauen in der Hausarbeit
gehören, als auch die Frage
nach der Organisierung und
Verteilung von
Reproduktionsarbeit
allgemein; sowohl das Recht
auf Bewegungsfreiheit und
Arbeitsrechte unabhängig vom
Aufenthaltsstatus, als auch
Arbeitsbedingungen im
Reinigungsgewerbe, oder das
Thema Sexarbeit. Diese
Schwerpunktssetzung böte
verschiedene Vorteile:
– Im Themenfeld Migration
und Hausarbeit können sich
die von uns eingeforderten
Positionierungen gegen
Rassismus und der
„Klassenstandpunkt“ kreuzen.
Wir könnten also mit einem
Thema an die Öffentlichkeit,
an dem wir vom hegemonialen
Feminismus klar
unterscheidbare Forderungen
stellen können.
Wir würden uns bei dem Thema
eine rege Beteiligung von
migrantischen und exil-
(Frauen-) Organisationen
wünschen. Deren Beteiligung
für die
internationalistische
Ausrichtung der 8.März stets
eine wichtige Rolle gespielt
haben.
Wir möchten auch die
antirassistische Szene in
Hamburg, die zuletzt mit dem
Antira-/Klimacamp im Sommer
ihre Lebendigkeit unter
Beweis gestellt hat,
einladen so einen 8. März zu
einem gemeinsamen Projekt zu
machen. Von einer
Zusammenarbeit könnten beide
Seiten profitieren.
Das Thema stellt direkt die
Frage nach der Verteilung
und Organisation der
Reproduktionsarbeit im
Kapitalismus, eine Frage an
der in den letzten Jahren
selten wahrnehmbar Konflikte
zugespitzt wurden.
In unserer Vision würden
fände am Sonntag den 8. März
2009 eine
spektrenübergreifende,
kämpferische und
wahrnehmbare Demonstration
mit mindestens 500
Teilnehmer_innen statt. Wir
würden uns eine
Demonstration wünschen, auf
die sich sowohl als
feministisch verstehende
Menschen als auch Queers,
Migrant_innen und
Antirassist_innen als auch
alle anderen eingeladen
fühlen, die Emanzipation,
Solidarität und Befreiung zu
ihren Zielen zählen.
Veranstaltungsreihe
In unserer Idee wäre mit
einer gemeinsam beworbenen
Veranstaltungsreihe bereits
im Vorfeld allen Beteiligten
die Möglichkeit gegeben,
ihre eigenen Themen
einzubringen.
Für Demo und
Veranstaltungsreihe soll es
im Dezember ein erstes
Bündnistreffen geben.
Wir sind ein gemischter
Zusammenhang. Deshalb – und
auch, weil wir mit dem Thema
auf ein Crossover mit
antirassistischen Gruppen
hoffen – würden wir uns
sowohl für die Demonstration
als auch für die
Vorbereitung ein
All-Genders-Welcome
wünschen. Damit wollen wir
nicht den Wert der
Selbstorganisation von
nicht-männlich
sozialisierten Menschen
negieren oder die
Notwendigkeit von
Frauen/Lesben/Trans-
Schutzräumen abstreiten.
Wir möchten mit diesen
Überlegungen einen
ergebnisoffenen Anstoß für
eine Debatte und
Organisierung liefern, die
uns hoffentlich einen
erfolgreichen 8. März 2009
ermöglicht.
Avanti – Projekt
undogmatische Linke, AG
Geschlechterverhältnisse,
Hamburg
Nov. 2008
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